Valentinengerl » Rauschgoldengel von Tante Gusti

Viele werden sich verwundert fragen, was hat denn Valentin mit Rauschgoldengel zu tun? Gibt es einen gleichnamigen Sketch des großen bayerischen Komikers, handelt es sich vielleicht um eine Persiflage über einen goldenen betrunkenen (rauschigen) Engel? Nein, bei den hier beschriebenen Rauschgoldengeln hatte Valentin lediglich handwerklich etwas mitgewirkt.
 
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Ab 1946 wohnten meine Eltern in einer Mietwohnung in Krailling bei Planegg. Das WC war außerhalb der Wohnung, ebenso das Wasser, das die Mieter in einer Kanne von einem Wandbrunnen in die Wohnung schleppen mussten. Meine Eltern wohnten im 2. Stock, in welchem sich noch ein kleines Appartement befand, das von einer alleinstehenden freundlichen Dame bewohnt wurde.
 
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Meine Mutter lernte Karl Valentin kennen, als er hin und wieder die Dame in der Nachbarwohnung besuchte. Er belieferte sie mit Holzkugeln, die er selbst drechselte. Die Kugeln benötigte die Dame als Köpfe für Rauschgoldengel, die sie fertigte. Sie bastelte Ziergegenstände und besonders in jener bescheidenen Vorweihnachtszeit war ihr Weihnachtsschmuck sehr beliebt.
 
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Als kleiner Bub besuchte ich die kreative Dame manchmal in der Nachbarwohnung und sah ihr bei ihrer Heimarbeit zu. Ich nannte sie Tante Gusti, jedoch ihr richtiger Namen ist mir leider entfallen.

Pappe, Wachs, Bastelfolie, bunte Aluminiumfolie (Silberpapier), Watte und Holzkugeln waren unter anderem die einfachen Materialien für Tante Gustis Rauschgoldengel. Liebevoll setzte sie die Engel zusammen, bemalte sie dezent. Sie fertigte ein jeweils gleichfarbig dazu passendes Schächtelchen an, in dem das Engelchen aufbewahrt werden konnte. Die Rauschgoldengerl sind keine prunkvollen Kunstwerke, vielmehr einfache Figürchen mit viel Liebe gefertigt. Bastelmaterial war in dieser Zeit äußerst rar, daher dürfte es für Tante Gusti sicherlich eine glückliche Fügung gewesen sein, dass sie die Köpfchen der Engerl, statt aus Wachs, mit Valentins Holzkugeln ausstatten konnte. Bescheiden weisen die Engerl noch auf den wahren Sinn von Weihnachten hin.

Karl Valentin als Tischler
Valentin Ludwig Fey, war der bürgerliche Name des Komikers, Volkssängers und Autors Karl Valentin (1882-1948). Etwa ab 1945 hatte er keine öffentlichen Auftritte mehr. Seine Dialoge und Gedichte verloren zunehmend an Interesse. Zusammen mit seiner Partnerin Elisabeth Wellano, bekannt unter dem Künstlernamen Liesl Karlstadt, wollte er an seine früheren Bühnenerfolge anzuknüpfen, was aber kläglich misslang.

1945, nach dem Ende des Deutschen Reichs, lag die Stadt München in Trümmern. Der 2. Weltkrieg hatte Bayerns Metropole zu 50% zerstört, dabei wurde auch während eines Bombenangriffs Karl Valentins Münchner Wohnung total vernichtet. In finanzielle Not geraten, zog er 1941 in sein Haus in Planegg, einem Vorort von München, wo er sich eine kleine Schreinerwerkstatt eingerichtet hatte. Der gelernte Schreiner war gezwungen, sich mit kleinen Tischlerarbeiten über Wasser zu halten. Größere lukrative Tischleraufträge blieben aus, daher fertigte er nur noch Haushaltsartikel an, um seinen weiteren Lebensunterhalt zu bestreiten. Der Zufall wollte es, dass Karl Valentin mit Tante Gusti zusammentraf, die darufhin die Drechsearbeiten bei ihm bestellte.

Von meiner verstorbenen Mutter erbte ich die drei hier abgebildeten Rauschgoldengel, die ihr Tante Gusti an einem Hl. Abend schenkte. Meine Mutter stellte sie jedes Weihnachten auf. Trotz der Einfachheit in ihrer Ausführung, schätze ich diese Engerl sehr, da sie mich an meine Kindheit und an die letzten Schicksalsjahre des großen Karl Valentin erinnern. Seltsamerweise ist 1948, Valentins Todesjahr, gleichzeitig mein Geburtsjahr.

Auszug aus meinen privaten biografischen Aufzeichnungen