Was eine alte Taschenuhr erzählt

Isarufer An einem sonnigen Spätnachmittag, gegen Ende November 1936, genoss ein älterer Herr auf einer Parkbank am Isarufer in Nähe Landshut, die letzten Sonnenstrahlen. Der 71 Jahre alte Spitalinsasse unternahm einen kleinen Ausflug entlang der Isar. In einer Gaststätte, unweit des romantischen Rundwegs, ließ der Rentner einen Krug mit köstlichem Bier füllen, den er mit zur Parkbank nahm. Das bayerische Bier war in jener Zeit ein schmackhaftes dunkles Gebräu, das es in sich hatte.
 
Ein hochprozentiges Nahrungsmittel
Von meiner Oma erfuhr ich, dass in diesen Zeiten nur dunkles Bier ausgeschenkt wurde, welches mit einem Alkoholgehalt von etwa 15% sogar stärker war, als das heutige Starbier. Sie erzählte, dass ihr Papa, der ältere Herr, immer nur aus seinem eigenen Maßkrug sein Bierchen trank und das gschmackige Nass gerne über den Durst genoss. So ist leicht zu anzunehmen, der ältere Herr begnügte sich wohl kaum mit nur einer Mass.

Vermutlich ließ er sich den Krug, nachdem er ihn leerte, noch einige Male in der nahe gelegenen Gasstätte füllen. Erst nach der letzten Füllung machte er es sich auf der Parkbank gemütlich, zündete sich ein Pfeifchen an und sinnierte vor sich hin.

Allmählich wurde es dunkel und nach dem letzten Schluck, verließ der ältere Herr die Parkbank. Bevor er in Richtung Heilig-Geist-Spital aufbrach, wollte er noch schnell in der Isar seinen Krug ausschwenken da aus einem gespülten Krug das Bier besser schmeckt.
 
pressebericht Mit einem Räuscherl auf ein wackeliges Floß
Die Isar diente bis zum Ausbruch des zweiten Weltkrieges noch zur gewerblichen Floßfahrt. Flöße waren beliebte Transportmittel, so war auch es kein Wunder, dass man sie abends am Ufer der Isar vereinzelt festgezurrt vorfinden konnte. Auch an der Stelle, an dem sich die Parkbank mit dem älteren Herrn befand, wurde ein Floß festgemacht, das für den nächsten Tag auf eine neue Ladung wartete. Er erblickte das "geparkte" Floß, das er als Steg zur Isar benutze, um seinen Krug auszuschwenken. Der Rentner balancierte auf dem Floß bis zum Rand, bückte sich mit seinem Krug in der Hand, hinab zum Wasser.
Durch das schaukelnde Floß und vermutlich auch durch die Wirkung des Bieres, verlor er das Gleichgewicht und stürzte in die Isar. Das Szenario wurde von einem Spaziergänger vom Uferweg der gegenüberliegenden Flussseite beobachtet. Die Strömung war allerdings so stark, dass selbst ein guter Schwimmer, ohne weitere Hilfe bzw. Sicherungsleine, keine Chance gehabt hätte, den Fluten zu trotzen.
 
taschenuhr Der ältere Herr verschwand in den Fluten und wurde von der reißenden Isar einige Kilometer fortgeschwemmt. Erst nach drei Tagen fand man ihn, worauf seine sterblichen Überreste geborgen werden konnten.

Zu seinen Habseeligkeiten gehörte auch eine Taschenuhr, die jedoch ziemlich unter dem unfreiwilligen Bad litt. Die Zeiger lagen lose auf dem Zifferblatt, die Feder war gebrochen und das Werk setzte gehörig Rost an. Das Glas hatte wie durch ein Wunder ohne Schaden überlebt und auch das Zifferblatt war noch erstaunlich gut erhalten.
Ich fand die Taschenuhr als Nachlass meiner verstorbenen Mutter, zusammen mit einem Zeitungsausschnitt in einer kleinen Pappschachtel. Meine Mutter erhielt sie von meiner Großmutter, der Tochter von Josef Richter, dem älteren Herrn, den ich aber nie kennen gelernt habe. Die Uhr besteht aus keinem Edelmetall, daher ist sie auch nicht besonders wertvoll, doch für mich hat sie einen ideellen Wert. Einige Stunden verbrachte ich damit die Taschenuhr gründlich zu reinigen, danach ließ ich sie von einem Uhrmachermeister wieder instand setzen.