Ein kleiner Buddha kündigt den Tod an

Es ist verrückt, denn ich kann mir bis heute nicht erklären, wie es möglich ist, dass sich eine kleine Figur an einer fest verknoteten Kordel an einer Lampe, wie von Geisterhand selbständig macht. Nach dem 2. Weltkrieg, etwa um die Jahre 1930 bis 1940, waren Hängelampen mit höhenverstellbarem Lampenschirm sehr beliebt. Zwischen dem Anschluss an der Decke und dem Lampenschirm, befand sich eine kugelartige geschlossene Box, in der die Anschlussschnur aufgewickelt wurde. Der Lampenschirm konnte zum Lesen heruntergezogen werden, danach genügte ein leichter Zug, um ihn wieder nach oben zu bringen. thumb haengelampe
 
Meine Tante brachte meiner Mutter von ihrer Chinareise einen kleinen Buddha mit. Das kleine Figürchen aus Kunststoff, nicht wertvoll, war lediglich ein kleines Mitbringsel aus einer anderen Welt. Am Buddha befindet sich oben eine Öse, die zum Durchfädeln eines Kettchens oder einer Kordel dient, um ihn aufhängen zu können. Meine Mutter nahm eine stabile Kordel, fädelte sie durch die Öse und umschlang die Schnur um den Bügel der Lampe, der zum Vertellen der Höhe angebracht war. Die beiden Enden der Kordel, fixierte sie mit einem Knoten. Der kleine Buddha hing nun fest verknotet, gut haltbar an der Lampe. thumb buddha
 
An einem Abend, saßen meine Mutter, meine Großmutter und ich, gemütlich in der Wohnküche. Das Radio spielte und die Hängelampe spendete ihr diffuses Licht aus einer 40-Watt-Birne, das dem Buddha einen magischen Glanz verlieh. Der Buddha hing einige Tage an der Lampe, als etwas Unheimliches geschah, das uns einen gewaltigen Schrecken einjagte.

Für den Bruchteil einer Sekunde erlosch plötzlich unerwartet das Licht und es knisterte, wie bei einem Kurzschluss. Da das Licht danach sofort wieder anging, konnte es unmöglich ein Kurzschluss gewesen sein. Auch ein Gewitter konnten wir auszuschließen, da der Himmel sternenklar war und der Mond schien. Nach einer Weile erst bemerkten wir, dass der Buddha auf dem Tisch lag, während die Kordel noch um den Lampenbügel geschlungen war. Die Kordel blieb nach dem Herabfallen des Buddhas völlig intakt, der Knoten hatte sich auch nicht gelöst und am Lampenbügel konnte man keine Beschädigung feststellen. Die Öse am Buddha wies keinerlei Risse oder Bruchstellen auf, durch die die Kordel hätte durchschlüpfen können.

Meine Mutter erhielt einige Tage später ein Schreiben von der Familie eines verwundeten Soldaten, dem sie während des 2. Weltkrieges Briefe an die Front schickte. Man teilte ihr mit, dass sich der Soldat nicht mehr erholte und verstarb. Meine Mutter erschrak nicht wenig, als sie das Sterbedatum las, denn es war derselbe der Tag, an dem der Buddha von der Lampe fiel. Nach Beantwortung ihres Kondolenzschreibens, wurde ihr als Todeszeitpunkt die selbe abendliche Stunde genannt, an dem auch das unerklärliche Ereigniss geschah.

Nach dem Tod meiner Mutter, fand ich unter ihrem Nachlass eine Schachtel, in der neben zahlreichen Feldpostbriefen verschollener Soldaten, auch der kleine Buddha lag. Zwar bin ich nicht abergläubisch, doch werde ich den Buddha auf keinem Fall an meine Lampe bezw. Affenschaukel hängen.

Anmerkung: Die Abbildung des Buddhas ist original, während die der Lampe aus Fragmenten rekonstruiert wurde.